eingefrorene Kreativität

Juni 24, 2009 at 3:24 (Literatur)

Wie das Entlein, das im Eiswasser des Fischteichs beinahe festfriert, frieren Frauen ihre Kreativität, ihre tieferen Gefühle, ihr Bedürfnis nach Nähe und Liebe ein und meinen dann, sie hätten eine großartige Leistung in Sachen Abhärtung vollbracht. In Wahrheit handelt es sich bei dieser psychischen Erkaltung aber um einen Akt passiver Aggression. [...] Ein kalter Mensch versucht, überhaupt nichts mehr zu fühlen, weder den eigenen Schmerz, [...] noch die Schmerzen, die anderen durch derlei Abwehrreaktionen zugefügt werden. Selbst wenn die Eisdecke oberflächlich betrachtet als Schutzschild dient, von der die Seele vor weiteren Verletzungen bewahrt wird, bewirkt sie in Wahrheit das genaue Gegenteil, denn die Seele zieht sich im Angesicht von Kälte nur noch weiter zusammen und leidet. [...] Nur in der Wärme geht die Seele auf, [...] und so lähmen erkaltete Frauen im Endeffekt ihre eigenen seelischen Schaffenskräfte.

[...] Wenn man von der berüchtigten Blockade befallen wird, die jeder Künstler kennt, dann heißt es: Auf in den Kampf und durch die Eisdecke hindurch! Genau das ist der Punkt, an dem Schriftstellerinnen und Malerinnen ihre Kugelschreiber oder Pinsel ergreifen müssen, um loszulegen, ganz gleich was dabei herauskommt.

- Clarissa Pinkola Estés

aus „Die Wolfsfrau“

1 Kommentar

  1. kriegerindertraeume sagte,

    das hat mir zum nachdenken verholfen. danke. lg. A

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